Christian Liebig

Sieglinde und Hans Liebig über Beruf und Berufung ihres Sohnes Christian und die Ängste von Eltern

FOCUS: Ihr Sohn Christian hat als Journalist die amerikanischen Truppen in den Irak begleitet. Warum, glauben Sie, hat er dieses Risiko auf sich genommen?

Hans Liebig: Ich denke, am Schreibtisch fühlte sich unser Sohn immer ein bisschen gefangen. Es kribbelte, es faszinierte ihn, nah am Geschehen zu sein, obwohl er alles andere als ein Draufgänger war. Als Eltern hatten wir ihn immer davor gewarnt, in Krisengebiete zu gehen. Er war ja früher schon als Journalist für die Nachrichtenagentur AP im Kosovo. Später fuhr er für FOCUS nach Mogadischu. Dort war die Situation so brenzlig, dass ihn elf oder zwölf Bodyguards mit Kalaschnikows beschützen mussten. Das war ein Schlüsselerlebnis für ihn – und für uns. Es wurde uns allmählich klar, dass er bereit war, gewisse Risiken einzugehen, um außergewöhnliche Reportagen zu machen.

Sieglinde Liebig: Als er vor anderthalb Jahren auf eigene Initiative an einem Training der Bundeswehr für Journalisten in Krisengebieten teilnahm, hatte er unseren vollsten Zuspruch. Wir hofften, dass er sich so besser schützen kann. Dass es letztlich eine Vorbereitung auf Kriegseinsätze war, habe ich gar nicht an mich herangelassen. Er hat zwar davon erzählt, aber ich habe das nicht so militärisch gesehen. Vielleicht wollte ich das auch einfach nicht.

Musste es für Christian gefährlich sein?

Hans Liebig: Nein. Er war kreativ und suchte nach ungewöhnlichen Geschichten. Er hat ja auch über Gorillas im Regenwald geschrieben.

Hätte er seinen Job hingeschmissen, wenn er das Gefühl gehabt hätte, nicht genügend rauszukommen?

Hans Liebig: Ja, vermutlich schon. Eine Korrespondentenstelle im Ausland hätte ihn sicher gereizt. Aber Brüssel, so erzählte er uns einmal, wäre ihm viel zu langweilig gewesen. Ein Albtraum, sagte er. Auch Skandinavien konnte ihn nicht locken. Afrika war sein Lieblingskontinent. Er empfand ihn als so vielfältig.

Trieb ihn eine romantische Begeisterung für fremde Kulturen an?

Sieglinde Liebig: Für ihn standen immer die Menschen im Vordergrund. Christian war ein ungeheuer kommunikativer Mensch. Er reiste gern und hat privat viel fotografiert. Als er vergangenes Jahr mit seiner Verlobten auf der griechischen Insel Paros war, was hat er da nicht alles fotografiert! Auf seinen Bildern waren lauter alte Bauern – Menschen eben. Die Landschaften haben ihn nicht so sehr interessiert.

Wann begann die Foto-Leidenschaft?

Hans Liebig: Als Rucksacktourist während des Studiums, noch vor dem Journalismus. Von einem Kommilitonen kaufte er sich eine gebrauchte Kamera. Er hat es sehr professionell betrieben, drückte am laufenden Band auf den Auslöser, um Schnappschüsse zu erzielen.

Sieglinde Liebig: Er hasste gestellte Bilder. Deswegen ließ er sich auch selbst nur ungern fotografieren. Egal, wie schief und krumm die Menschen waren, er wollte authentische Fotos.

Hans Liebig: So verstand er auch den Journalismus. Er wollte sich nicht verbiegen lassen und lebte von seinen unmittelbaren Eindrücken.

Haben Sie versucht, Ihren Sohn von der Idee abzubringen, in den Irak zu gehen?

Hans Liebig: Er hat vorher nicht mit uns darüber gesprochen, dass er in den Irak wollte.

Wann haben Sie erfahren, dass er sich dafür entschieden hatte?

Hans Liebig: Er hat darauf bestanden, uns vor unserem Urlaub im Februar zu besuchen, weil er so eine Ahnung hatte, dass es bald losgehen würde. Er war sehr angespannt in diesen Tagen bei uns, sagte aber nichts. Erst Ende Februar teilte er uns dann telefonisch mit, dass er nach Kuwait geht.

Sieglinde Liebig: Ich dachte, er geht nach Kuwait, um einen Vorabkriegsbericht zu bringen. Ich war der Meinung, er kommt dann gleich wieder zurück.

Hans Liebig: Als er aus Kuwait seiner Mutter zum Geburtstag gratulierte, fragte ich ihn, ob er denn auch mit in den Irak ziehen werde, wenn die Amerikaner einmarschieren. Und er meinte, selbstverständlich werde er das tun. Er versuchte uns damit zu beruhigen, dass er im großen Tross mitzieht, niemals an die vorderste Front gehen würde.

Sieglinde Liebig: Er war sehr stolz auf seine Akkreditierung durch die Amerikaner. Es waren ja, so glaube ich, nur wenige Reporter aus Deutschland, die die US-Armee begleiten durften.

Was waren Ihre Gefühle, als Sie wussten, er würde sich in diese Gefahrensituation begeben?

Sieglinde Liebig: Auch als er uns mitteilte, in den Irak zu gehen, habe ich es nicht geglaubt.

Hans Liebig: Ich habe Christian immer gefragt, muss das sein, dass du solche Risiken eingehst? Du bist jetzt keine 18 mehr, sondern 34. Halte die Risiken in Grenzen. Er meinte, er wisse, was er tue.

Waren Sie alarmiert?

Hans Liebig: Ich dachte eigentlich schon bei seinem Einsatz in Mogadischu, dass es keinen Grund gibt, sich in solche Gefahren zu begeben. Dann kam er stolz zurück und berichtete, wie hochinteressant alles war. Seine Reportage war super. Aber in welchem Verhältnis stand das zum Risiko? Darauf habe ich ihn später in einem Vater-Sohn-Gespräch beim Weißbier angesprochen. Ich denke, dass er in seinem Inneren ein unbestimmtes Gefühl hatte, dass er sich selber noch mehr bestätigt fühlen wollte. Das hat er vor alles andere gestellt, vor seine Lebensgefährtin und vor die Sorgen seiner Eltern.

Hat er Sie jetzt aus dem Irak öfter angerufen?

Hans Liebig: Ja, so etwa alle drei Tage. Manchmal auch dreimal täglich. Dann, wenn er wieder für den Radiosender FFH ein Interview geben sollte. Er wollte, dass wir diese Interviews für ihn aufzeichnen, damit er es sich später bei seiner Heimkehr noch einmal anhören könnte. Eines der letzten Telefongespräche war Freitag vor einer Woche. Er wirkte eigentlich entspannt.

Sieglinde Liebig: Wir hatten aber auch den Eindruck, es reicht ihm. Da gab es die Verwundeten.

Er beschrieb in seinen Reportagen für FOCUS ja auch die Brutalität des Krieges. Hat ihn das belastet?

Hans Liebig: Über das, was ihn belastete, hat er wohl eher mit seiner Lebensgefährtin gesprochen.

Sieglinde Liebig: Wir haben versucht, sehr sachlich mit ihm zu sein, um unsere Sorgen von ihm fern zu halten. Ich habe ihm nur einmal gesagt, dass ich Angst habe. Daraufhin hat er seiner Freundin Beatrice eine sehr schöne E-Mail geschrieben. Darin steht, dass er uns das nicht antun wollte.

Hans Liebig: Es tat ihm Beatrice und uns gegenüber sehr Leid, dass wir uns Sorgen machten. Und wir hatten das Gefühl, dass ihn die letzten Tage, als der Krieg richtig entbrannte, mitgenommen hatten. Und dann stellte er uns am Freitagmittag eine entscheidende Frage …

Sieglinde Liebig: Er fragte: „Was gibt es bei euch zu essen?“ Da wusste ich, er will zurück.

Hans Liebig: Und ich sagte ihm, in München sind 20 Grad, und alle Biergärten haben geöffnet. Er antwortete sinngemäß: „Ich glaube, ich muss zurück.“ Er hatte einfach Sehnsucht, wieder nach Hause zu kommen.

Glauben Sie, er war auf dem Absprung?

Sieglinde Liebig: Ich denke, er war so weit, dass er langsam wieder in die Normalität wollte.

Hans Liebig: Er sagte, dass die Amerikaner gut vorankommen, sich der Krieg dem Ende nähert und er dann vorhabe, direkt nach Ramstein zu fliegen. Er wollte nicht zurück nach Kuwait. Das wäre ihm zu umständlich gewesen. Er wollte so schnell wie möglich zurückkommen. Wir haben uns mit seiner Freundin abgesprochen, dass wir Christian selbstverständlich moralisch unterstützen, solange er im Irak ist. Aber nach der Rückkehr sollten zwei ernste Gespräche erfolgen. Eins von Beatrices Seite, was die Zukunft angeht, und eins von unserer Seite, was das Risiko angeht. Künftig sollte er nicht mehr so viele Gefahren in Kauf nehmen. Da waren wir uns einig.

Hat Christian mit Ihnen über journalistische Grenzerfahrungen gesprochen?

Hans Liebig: Nie während eines Einsatzes. Er wollte uns nicht belasten. Als er beispielsweise während des Balkan Konflikts von Skopje aus nach Pristina wollte, rief er uns an und sagte, er wolle nun doch nicht in der Nacht, sondern erst am nächsten Morgen dorthin fahren. Einen Grund nannte er nicht. Als wir zehn Minuten später die Nachrichten sahen, wussten wir es: Gerade waren die zwei Reporter des „stern“ ermordet worden.
Wenn er zurückkam, dann schilderte er uns gern seine Erlebnisse und präsentierte uns auch Bilder. Erst Anfang des Jahres war er im Kurdengebiet, wo man nachts seine Begleiter verhaften wollte. Da hat er sich vor die Leute gestellt und gesagt: „Dann nehmt mich mal mit.“ Er hatte ja eine Akkreditierung. Dann kam sofort die deutsche Botschaft ins Spiel, so dass der Polizeioffizier sein Vorhaben fallen ließ. Christian hat Mut gezeigt und sein Team vor dem Gefängnis bewahrt.

Man hat ja als Eltern einen besonderen Draht zu den eigenen Kindern. Spürten Sie, wie es Christian im Irak erging?

Sieglinde Liebig: Vor ungefähr einer Woche überkam mich so ein Gefühl. Ich hatte nie Angst, dass Christian mit den Amerikanern an die vorderste Front mitgeht. Das hatte er versprochen, und da hatte ich Vertrauen. Als mich Bekannte fragten, ob ich keine Angst hätte, antwortete ich immer, dass er kein Draufgänger ist.
Aber Angst insofern, dass etwas quer kommt. Es könnte ja sein, dass dem Saddam etwas einfällt. Und das war ja letztlich die Rakete. Ich hatte das schreckliche Gefühl, dass ihn etwas erwischt, obwohl er nicht mitten im Geschehen ist. Das habe ich ihm aber nicht gesagt. Als wir am Montagabend dann auf die Nachricht warteten, ob es sich bei dem getöteten deutschen Journalisten um Christian handelt oder nicht, haben wir gehofft. Aber ich habe es nicht vom Bauch, sondern vom Kopf her gewusst, dass etwas quer gekommen ist.

Wann haben Sie von Christians Tod erfahren?

Hans Liebig: Schon am Montagnachmittag haben uns sein Ressortchef und Herr Markwort gesagt, dass es nicht gut aussehen würde. Um halb elf Uhr abends war dann die Bestätigung vom Pentagon da. Sie können sich vorstellen, dass das die schwersten Stunden unseres Lebens waren.

Beklagen Sie, dass Ihr Sohn Journalist geworden ist?

Hans Liebig: Stellen Sie bitte nicht diese Frage in dieser Situation. Aber insgesamt gesehen ist es sehr schön und wichtig, wenn Beruf Befriedigung verschafft. Der Beruf hat Christian glücklich gemacht. Er wollte Journalist sein. Das war seine Berufung.

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Hans Liebig Sein Vater Hans, arbeitete bei Lufthansa Cargo über Jahrzehnte in verantwortlichen Positionen und war beruflich viel unterwegs..

Sieglinde Liebig Mutter Sieglinde, war daher viel mit dem Sohn allein und weckte seine künstlerischen Interessen.


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