Christian Liebig

Lieber Christian,

Unser erster gemeinsamer Arbeitstag war ein wunderbarer Start. Wir wurden zeitgleich eingestellt und saßen uns gegenüber in einem leeren FOCUS-Büro, jeder den Begrüßungs-Blumenstrauß in der Hand. Das war am 2. November 1999. Wir hatten uns noch nie zuvor gesehen, obwohl wir beide im Taunus bei Frankfurt aufgewachsen sind und das gleiche Alter haben. „Komm, lass uns ein bisschen hessisch reden“, war Dein Vorschlag als Neu-Münchner an mich Neu-Münchnerin. Das haben wir in den nächsten gemeinsamen Jahren gemacht. Vor allem, wenn es stressig war und aus Produktionstagen Nächte wurden. Du hattest einen staubtrockenen, respektlosen Humor. Ich glaube, es ist kein Tag vergangen, an dem wir nicht laut gelacht haben.

Dein Berichtsgebiet umfasste anfänglich Afrika und Österreich. Auch diese unfreiwillig komische Kombination war ein „Running Gag“ ganz nach Deinem Geschmack. Dabei lag sie auf der Hand: Afrika interessierte Dich, weil „man so wenig darüber weiß“. Österreich fiel Dir zu, weil Deine Mutter Österreicherin ist und Du das Land eben besonders gut kanntest und mochtest. Was Deine Herkunft angeht, muss ich mich in einer Sache wundern, lieber Christian: Wieso hast Du mir in über drei Jahren nicht gestanden, dass Du in Offenbach und nicht in Frankfurt geboren bist? Auch wenn es nur zufällig ein Offenbacher Krankenhaus war? Als treuer „Eintracht“-Fan hast Du es fertig gebracht, mich und andere mäßig fußballkundige Exil-Hessen ins Stadion zu schleppen, wo wir Zeugen schmählicher Niederlagen wurden. Dabei besteht zwischen Offenbachern und Frankfurtern eine natürliche Feindschaft, wie man vielleicht nicht überall im Bundesgebiet weiß.

Es gibt Kollegen, die ihre Menschenliebe vor sich hertragen, vor allem, wenn sie über Entwicklungsländer schreiben. Du bist in den Kongo, nach Nigeria und Somalia gereist, um „über die Lage zu berichten“. Die Geschichten sollten für sich sprechen. Zurück am Schreibtisch, hast Du mir einmal erzählt, wie Du bei einer Hilfslieferung in Äthiopien mitgeflogen bist. Wie Du das Tau durch- geschlagen hast, an dem die Kisten mit den Nahrungsmitteln festgemacht waren, und mit welcher Wucht sie aus der Tupolew knallten. Unter Euch war ein ganzes Dorf zusammengelaufen, Kinder, die hüpften und in den Himmel winkten. „Wir sind so tief geflogen, dass ich ihre lachenden Gesichter gesehen habe und schon Angst hatte, es passiert etwas mit den schweren Kisten, aber es ging alles glatt“, erzähltest Du. Monate später saßen wir in einer Kneipe in München und begossen unser dreijähriges FOCUS-Jubiläum. Wir sprachen über unseren Job, darüber, dass wir immer nur beschreiben und welchen Sinn das hat. Du kamst auf die Äthiopien-Geschichte zurück und meintest mit glänzenden Augen: „Das war ein wunderbarer Tag. Auch wenn die Kisten nicht von mir waren und meine Geschichte keine Spendenlawine auslösen wird. Es hat Spaß gemacht.“

Ich war nicht einmal krank, ohne dass Du bei mir angerufen und Dich erkundigt hast. Entsprechend „mäßig begeistert“ fiel Deine Reaktion aus, als ich vergangenen Sommer nach Israel und in die palästinensischen Gebiete reiste. Wir sprachen über Selbstmordattentate und Vorsichtsmaßnahmen. „Wenn Du aus Sparsamkeit Bus statt Taxi nimmst, versohle ich Dir nachträglich den Hintern“, bekam ich zu hören. Du warst auf rührende Weise altmodisch. Oft besorgt, man könnte sagen „ritterlich“, aber dieses Wort würdest Du blöd finden. Du gehörtest zu der sehr überschaubaren Gruppe von Männern Deines Alters, die einer Frau die Tür aufhalten und der Kollegin vor dem Fahrstuhl den Vortritt lassen. Taktgefühl hast Du allerdings auch eingefordert: Ich musste jedes Mal das Zimmer verlassen, wenn Du den Kongo am Telefon hattest und ich mich nicht hätte halten können vor Lachen: Kein zweiter Mensch auf dieser Welt spricht das, was Du Französisch nanntest. Nicht, dass Du der Auffassung gewesen wärst, Frauen taugten nicht als Reporterinnen in Krisengebieten. Aber für Dich galten andere Maßstäbe. Zumindest, was uns beide angeht. Unser letztes persönliches Telefonat führten wir, als ich in Damaskus war. Ich wollte nach Ur und Babylon und hoffte, den Irak noch einmal porträtieren zu können vor dem Krieg. Du saßt mit Deinem Satellitentelefon in der kuwaitischen Wüste und warst schon „embedded“ zwischen GIs. „Fahr nicht in den Irak, es geht in den nächsten Tagen los“, hast Du mir eingehämmert. Und mich Stunden später ein zweites Mal angerufen, um es mir ein zweites Mal zu sagen. „Und Du“, habe ich geantwortet, „wo fährst Du hin, wenn Deine amerikanischen Freunde Kuwait hinter sich lassen?“ Wir haben darüber gelacht. Dein Risiko sei kalkulierbarer, warst Du Dir sicher: „Auf der Seite des Angreifers sieht man klarer als auf der Seite des Angegriffenen. Vor allem, wenn der Angegriffene technisch unterlegen ist.“ Ich bin von Damaskus nach München zurückgeflogen, als die UN-Inspekteure das Land verließen. Es war das Zeichen, dass es losgehen würde, darin waren wir uns einig. Wir haben noch ein paar Mal telefoniert und über Dein Kriegs-Tagebuch gesprochen. Für persönliche Gespräche war keine Zeit, Du musstest haushalten mit „dem Saft vom Satphone“. Wie alle anderen Menschen, die jetzt um Dich trauern, hätte ich mich so gern irgendwie verabschiedet.

Mensch, Christian, lass uns noch eine Runde hessisch reden. Dein Schreibtisch gegenüber ist so unaufgeräumt wie immer. Du fehlst mir.

Deine Ellen.

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