Assad ist zu schwach, um die Milch zu trinken, die Fardoza ihm einzuflößen versucht. Immer wieder dreht er seinen Kopf weg, seine Augen starren ins Leere. In der Stimme der Frau aus dem südäthiopischen Dorf Bargun ist nichts Anklagendes, keine Verzweiflung. Sie hat nicht einmal mehr die Kraft, um zu trauern.
60 Kilometer ist Fardoza mit Assad durch die Gluthitze gewandert, bis sie endlich das Krankenhaus der Distrikthauptstadt Gode erreicht hat. In einer aus Ästen und Decken zusammengezimmerten Hütte lagert sie auf ihrer Matte inmitten anderer Mütter, deren Kinder unterernährt, krank und oft so entkräftet sind, dass kaum noch Leben in ihnen ist.
Seit drei Jahren hat die Region keine nennenswerten Niederschläge mehr gesehen. Wo früher Mangos und Orangen angebaut wurden, wirbeln jetzt Windhosen den Staub auf. Die Temperatur klettert jeden Tag auf über 40 Grad im Schatten theoretisch, denn Schatten spenden die verdorrten Büsche und Bäume nicht.
Bulgarien: Ein Phantom kehrt zurück
![]()
Der Zar lebt zurückgezogen. Den Zugang zu seiner Residenz Wrana, versteckt in einem großen Park, versperrt ein rostiges Tor, an dem ein Wachmann in Jogginghose steht. Kein Schild, keine Palastwache. Hier wohnt König Simeon II. von Bulgarien. Ex-König, um genau zu sein und, wie einige Bulgaren hoffen, bald wieder Majestät des Balkanstaats.
Simeon II. ist aus dem Madrider Exil zurückgekehrt in seine Heimat, die er vor 55 Jahren als Neunjähriger verlassen musste. Zurück in ein Land, das in Armut versinkt. Zurück als Hoffnungsträger für den einfachen Bulgaren, zurück als der Schrecken der etablierten Politiker.
(FOCUS 24/2001)
Mogadischu: Welthauptstadt der Anarchie
![]()
Die Steinwüste lebt. Jungs spielen auf dem Platz vor dem Parlament Fußball, Flüchtlinge wohnen in dem Betonskelett des ehemaligen Grandhotels, und Technicals so nennen sich die jungen Söldner der Warlords fahren auf den Ladeflächen der Geländewagen durch Mogadischu, recken ihre Kalaschnikows in die Höhe und kauen mit finsteren Blicken Khat, die Droge, die in ihren Phantasien aus den Ruinen Paläste werden lässt.
Ein zentrales Stromnetz gibt es nicht, aber drei verschiedene Mobilfunknetze. Die Handys kaufen die Geschäftsleute im Elektronikladen nebenan, das schicke kleine Motorola für 500 Mark in Deutschland kostet es 750 Mark. Ich habe alles auf Lager, behauptet der Elektronikhändler Aki Haidar mit nonchalantem Stolz. Und wenn nicht, rufe ich meinen Bruder in Dubai an, und in vier Tagen haben sie es geliefert. Kein Staat, keine Zölle. Kein Staat, keine Steuern. Kein Staat, kein Gewerbe- aufsichtsamt.
(FOCUS 21/2001)
Im Kampf mit Menschen dagegen sind auch die stärksten Gorillas machtlos. Ein paar Kilometer westlich von Mugarukas Reich werden seit Jahren Gorillas abgeschlachtet, von 8000 sollen im Tiefland des Nationalparks nicht mal 1000 überlebt haben.
Ihr Fleisch stillt den Hunger der Dorfbewohner oder wird als Delikatesse in die Großstädte verkauft. Andernorts wird der Lebensraum der Gorillas, die Regenwälder, abgeholzt. In weniger als zehn Jahren, befürchtet der Leiter des UN-Umweltprogramms Unep und frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer, wird es in Afrika keine großen Affen mehr geben.
Hammelburg: Kriegstraining für Journalisten
![]()
Sie geraten unter Beschuss, treten auf Minen, lösen Sprengfallen aus, werden als Geiseln genommen. Reporter in Krisengebieten können Tag und Nacht in Lebensgefahr geraten.
Auf dem unterfränkischen Truppenübungsplatz Hammelburg inszeniert die Bundeswehr für Journalisten den täglichen Horror im Kriegseinsatz. Fünf Tage lang Theorie und Praxis: Wie sieht eine Kalaschnikow aus? Wie lassen sich Abschuss und Geschosseinschlag aus einer 20-Millimeter-Kanone erkennen?
Ein Szenario, das sich jederzeit abspielen kann, im Kosovo oder in Afghanistan: Eine Meute stürmt die Bar, in der ein paar Journalisten Kaffee trinken. Aggressives Geschrei, Gefuchtel mit Sturmgewehren und Handgranaten, Geiselnahme.
Die Überlebenschancen im Ernstfall sind gering, ziemlich gering. Schutz suchen vor Gewehrfeuer? Sinnlos. Aus 100 Meter Entfernung durchschlägt eine Gewehrkugel Häuserwände. Auf asphaltierten Straßen bleiben, um nicht auf eine Mine zu treten? Sehr vernünftig, aber nur wirksam, wenn alle so vernünftig sind. Tritt ein Kollege im Gelände abseits der Straße auf eine Panzermine, wirken die Splitter noch in 50 Meter Entfernung tödlich. Und wenn ein Mann im Minenfeld verblutet? Lasst ihn liegen, hören die Reporter. Jeder Bergungsversuch, weiß ein Bundeswehr-Oberstleutnant, sei glatter Selbstmord.
(FOCUS 49/2001)



