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Bildung für Malawi
Eine Chance für morgen

Aids wird zur nationalen Katastrophe. Wenn das kleine Land im Südosten Afrikas nicht untergehen soll, muss jetzt in Bildung investiert werden

Text: FOCUS-Redakteurin Ellen Daniel (Nr. 44/2003)
Fotos: Wolf Heider-Sawall, Christian-Liebig-Stiftung e.V.

S

obald die Sonne über das Michiru-Gebirge klettert, schnürt der Junge Chekeledi sein Bündel und macht sich auf den Weg. Unterricht in Malawi ist von halb acht bis halb zwölf, danach wird die Hitze unerträglich. Vor allem wenn der Klassenraum nur aus einem Stück Lehmboden und einem Strohdach darüber besteht. Chekeledi Zamuliere ist ein fröhliches Kind. Fünf Kilometer Fußmarsch zur Volksschule von Mpanda sind für ihn ein Klacks: „Andere müssen noch viel weiter laufen“, strahlt er. In zwei Jahren ist er 14, dann will er den Sprung auf die Oberschule schaffen. „Ich bin der Siebtbeste von 76 in meiner Klasse“, verkündet der Junge mit der blauen Schuluniform, „und später möchte ich einmal Arzt werden.“

Freudentanz
In Mpanda, im Süden von
Malawi, feiern die Dorfbewohner
eine frohe Botschaft: Bald wird
hier die Christian-Liebig-Schule
für 500 Jugendliche gebaut

  Umgerechnet zwölf Euro kostet das Halbjahr an der staatlichen Secondary School. Geld, das Chekeledis Vater nicht hat. Die Familie lebt von Mais, Maniok und Sorghum-Bohnen, alles wächst in guten Jahren hinter dem Haus. In schlechten Jahren, wenn Überschwemmungen und Dürrephase sich abwechseln und korrupte Politiker die nationale Maisreserve verhökert haben, um sich den Erlös in die eigene Tasche zu stecken, bricht der Hunger aus. Dann ist die Familie auf die weißen Maissäcke angewiesen, die die Leute vom World-Food-Programm verteilen. Einen regelmäßigen bezahlten Job hat niemand im Dorf. Man tauscht, was man braucht, und Bargeld ist so selten wie Regenwasser in der Dürreperiode zwischen Mai und Oktober.

  „Was soll ich den Eltern von Chekeledi raten?“, fragt David Silota, der an der Volksschule von Mpanda unterrichtet. „Wir sind stolz, dass heute neun von zehn Kindern in die Schule gehen, zumindest ein paar Jahre lang.“ Höhere Bildung sei den meisten Familien nicht zuzumuten: „Die jungen Leute fehlen zu Hause bei der Arbeit, viele müssten stundenlange Schulwege auf sich nehmen oder gleich in der Schule übernachten. Und dafür ist erst recht kein Geld da.“ Die Statistik fällt entsprechend aus: Von 100 Volksschulabsolventen gehen weniger als acht auf eine weiterführende Schule, um danach einen qualifizierten Beruf zu ergreifen oder eine Fachhochschule oder die Universität besuchen zu können. Das ist zu wenig für jedes Volk, das den Anschluss an die industrialisierte Welt schaffen will. Für Malawi ist es eine Katastrophe. Denn in ein paar Jahren wird das kleine Land im Südosten Afrikas seine Bildungsreserve nahezu verloren haben.

 
Appell im Großformat Überall im Land ruft Staatspräsident
Bakali Muluzi auf Plakatwänden dazu auf, den laxen Umgang
mit der Aids-Seuche zu ändern

  „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Menschen in Malawi tatsächlich HIV-infiziert sind“, wehrt Edith Chimitu von der staatlichen Aids-Beratungsstelle Macro Fragen nach präzisen Zahlen ab. „Ich weiß, dass 15 Prozent von denen, die sich bei uns freiwillig testen lassen, mit einem positiven Ergebnis nach Hause gehen. Aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt des Problems.“ In der Macro-Beratungsstelle im Wirtschaftszentrum Blantyre sind die HIV-Tests gratis. Das Angebot wird trotzdem nur von einer Minderheit wahrgenommen. Edith Chimitu kämpft einen Kampf „gegen ein siebenköpfiges Ungeheuer“, wie sie sagt. Das sind die Vorurteile und das Stigma im Umgang mit der Seuche. „Viele Männer glauben zum Beispiel, dass dicke Frauen kein Aids haben können, weil sie gesund aussehen“, berichtet Chimitu, „und in manchen Dörfern finden immer noch traditionelle Vernarbungsrituale statt, wo eine herumgereichte Rasierklinge alle anstecken kann.“ Wer zugibt, dass er sich angesteckt hat, werde nicht selten von der Familie verstoßen.

  Bis zu 50 Prozent der Malawier sind nach Schätzungen internationaler Organisationen infiziert. Aids ist die nationale Bedrohung Nummer 1. Das Virus rafft paradoxerweise vor allem die Bessergebildeten hin, was mit freizügigem Sexualverhalten in den Städten zu tun hat. „In zwei bis vier Jahren erwarten wir den Höhepunkt der Seuche“, erklärt HIV-Expertin Chimitu, „dann kommt der große Erdrutsch.“

  Wie sich das Sterben der Bildungsschicht auf die Schulen des Landes auswirkt, erlebt Wyson Phiri schon jetzt. Der Rektor der Namikasi Secondary School im Hinterland von Blantyre soll den Unterricht für mehr als 400 Schüler organisieren. 16 Planstellen sind dafür vorgesehen, acht Lehrer konnte Phiri finden. Mit umgerechnet 50 Euro Monatsgehalt gehört der Job nicht gerade zu den begehrtesten. Wer gut ausgebildet ist, geht lieber in die Städte und verdient sein Geld in der Wirtschaft.

  „Dass wir überhaupt Leute bekommen haben, liegt an den Lehrerhäusern, die mit der Schule gebaut wurden und die für viele der entscheidende Anreiz waren“, sagt Rektor Phiri. Gerade war er auf der Beerdigung eines Kollegen. „Lungenentzündung“ lautete die offizielle Todesursache. Obwohl es so viele trifft, wird Aids immer noch vertuscht und ignoriert. „Es ist schwer für die Kinder, wenn das ganze Dorf erfährt, woran die Eltern gestorben sind“, versucht Phiri das Verhalten zu erklären.

  Erst seit zwei Jahren werden die Schüler vom malawischen Bildungsministerium in Lilongwe dazu ermuntert, sich in Anti-Aids-Clubs an den Schulen über die Seuche zu informieren und in Liedern und Tänzen über die Gefahren aufzuklären. „Ein zweites Leben kannst du dir nicht kaufen, also spiel nicht mit HIV“, lautet der Refrain eines Anti-Aids-Songs, den die Kinder von Mpanda selbst geschrieben haben. Die Regierung unter Präsident Bakili Muluzi hat erkannt, dass Aufklärung schon bei den Kindern ansetzen muss, bevor sie in die Pubertät kommen. Muluzi hält keine öffentliche Rede, ohne auf das Thema Aids zu kommen. Wofür er keine Worte und kein Rezept hat, ist das Waisenproblem.

  Eine Million Waisenkinder gibt es in Malawi, das ganze Land hat zwölf Millionen Einwohner. Wie viele der Waisen ihre Eltern durch Aids verloren haben, weiß niemand. Das traditionelle soziale Netz ist längst gerissen. Es sind zu viele Hilfsbedürftige, als dass der Familienclan oder die Dorfgemeinschaft sie durchfüttern könnten. „Dass solche Kinder irgendwann auch nicht mehr zur Schule kommen, ist ein großes Problem“, klagt David Silota. Für die Menschen in Deutschland hat der Lehrer aus Malawi eine Botschaft: „Die Älteren sterben, und die Jungen verwahrlosen. Das ist ein Teufelskreis. Allein werden wir es kaum schaffen, da herauszukommen.“