Christian Liebig

Der Krieg und seine Reporter – Augenzeugen in Lebensgefahr

In drei Wochen Irak-Krieg bezahlten elf Journalisten ihre Suche nach Mosaiksteinen der Wahrheit mit dem Leben. Darunter FOCUS-Kollege Christian Liebig

 

Welche Bilder werden die Bilder sein, die so nahe gehen, dass sie sich nicht von der Netzhaut lösen, ohne Spuren zu hinterlassen?

Es können die Szenen des Jubels sein, Szenen vom vergangenen Mittwoch. Im Zentrum Bagdads kippt die meterhohe Saddam-Statue, von einem US-Panzer gezogen, in den Staub. Die Untertanen a. D. tanzen auf dem Bronze-Rücken des Diktators a. D. Tänze der neuen Freude.

Oder ist es der Blick in die Augen jenes Jungen in einem Bagdader Hospital? Die Bombennacht zuvor hat ihm sein Leben verstümmelt. Die Mutter, der Vater, der Bruder sind tot. Der Zwölfjährige blickt in Zukunft und Kameras aus dunklen Augen, die noch nicht begreifen können, dass er nie mehr greifen können wird. Die Schulter links, die Schulter rechts, sie enden in absurd kurzen Verbandsstummeln.

„Überall lachende, jubelnde Menschen“, kommentiert n-tv. Im Hintergrund sind Schüsse zu hören. Für die ARD rudert Stephan Kloss, „live aus Bagdad“, mit den Armen, um alle Himmelsrichtungen zu zeigen, in denen sich Krieg und Frieden und alle Schattierungen dazwischen zutragen. Um 15.56 Uhr verrutscht Antonia Rados, RTL, der Satz, sie erlebe historische Stunden, in denen das irakische Volk seine Straßen „erobert“. Für ihre Gesamtleistung unter „extremen Bedingungen“ wird sie den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis erhalten. Sie freut sich auf Urlaub in Paris.

Belangloses und Berührendes: Jede einzelne Beobachtung jedes einzelnen der Reporter dieses Krieges entsteht unter Lebensgefahr. Die Vielzahl der Augenzeugen wird künftig Konflikte zivilisierter machen, erwartet Medienforscher Otfried Jarren. Doch selbst das „Palestine-Hotel“, längst in aller Welt als Wohnsitz und Arbeitsplatz der ausländischen Journalisten in Bagdad bekannt, beschießt ein US-Panzer. Zwei Kameramänner sterben. Am selben Tag werden an zwei weiteren Stellen in Bagdad Journalisten zu Zielen von Angriffen: Im Büro des arabischen Senders al-Dschasira töten Raketen einen Reporter. Kleinwaffen treffen den Sitz von Abu Dhabi TV. „Wir sind“, wird Antonia Rados später sagen, „wie aus einem bösen Traum erwacht, weil wir merken, dass auch wir nicht unverwundbar sind.“

Gemeinsam sterben mit den Soldaten, wenn es unvermeidbar ist, aber unabhängig berichten: Dieses Kunststück zwischen Kameradschaft und Kritikfähigkeit hat dieser Krieg 600 Journalisten zugemutet, die „eingebettet“ in Armee-Einheiten mit den Soldaten aßen, schliefen, zitterten, vorrückten. „Embedded journalism“: Die Welt ist um eine neue journalistische Form reicher. Und um elf Journalisten, die ihr Leben verloren, ärmer.

Erste Bewertungen der Fernseharbeit der Kriegsreporter liegen vor. In einer gerade fertig gestellten Studie wertet das Forschungsinstitut Medien Tenor aus, dass sich 63,7 Prozent der Hauptnachrichtensendungen mit dem Krieg befassten. „RTL aktuell“ mit 80,2 Prozent Kriegsanteil sei „zum Haupt-Frontberichterstatter“ geworden. Im Vergleich zum britischen Fernsehen BBC und dem US-Sender ABC bewerteten ARD und ZDF die US-Aktionen deutlich kritischer und thematisierten die Leiden der Bevölkerung deutlich stärker.

Nach einer Emnid-Umfrage fand jeder dritte Zuschauer die Bilder vom Krieg „unnötig brutal“. Aufnahmen von den US-Gefangenen in Todesangst lehnten 62 Prozent ab. Das gilt für echte Bilder. Schon am Tag nach dem Einmarsch in Bagdad teilte der US-Sender NBC mit, die Rettung der Soldatin Jessica Lynch aus Kriegsgefangenschaft verfilmen zu wollen. Starker Stoff. Happy End garantiert. So bekommt auch der Schrecken seinen schönen Schein.

 

Reporter, die ihr Leben lassen mussten