Christian Liebig

Dreineinhalb Jahre berichtet Christian Liebig für FOCUS. Auszüge aus einigen seiner Artikeln

Äthiopien: Chronik einer angekündigten Hungersnot

Der dreijährige Assad ist alles, was Fardoza geblieben ist. „Meine drei anderen Kinder sind verhungert, danach ist mein Mann gestorben“, erzählt die 20 Jahre alte Mutter. Assad ist zu schwach, um die Milch zu trinken, die Fardoza ihm einzuflößen versucht. Immer wieder dreht er seinen Kopf weg, seine Augen starren ins Leere. In der Stimme der Frau aus dem südäthiopischen Dorf Bargun ist nichts Anklagendes, keine Verzweiflung. Sie hat nicht einmal mehr die Kraft, um zu trauern. 60 Kilometer ist Fardoza mit Assad durch die Gluthitze gewandert, bis sie endlich das Krankenhaus der Distrikthauptstadt Gode erreicht hat. In einer aus Ästen und Decken zusammengezimmerten Hütte lagert sie auf ihrer Matte inmitten anderer Mütter, deren Kinder unterernährt, krank und oft so entkräftet sind, dass kaum noch Leben in ihnen ist. Seit drei Jahren hat die Region keine nennenswerten Niederschläge mehr gesehen. Wo früher Mangos und Orangen angebaut wurden, wirbeln jetzt Windhosen den Staub auf. Die Temperatur klettert jeden Tag auf über 40 Grad im Schatten – theoretisch, denn Schatten spenden die verdorrten Büsche und Bäume nicht. (FOCUS 17/2000)


Bulgarien: Ein Phantom kehrt zurück

Der Zar lebt zurückgezogen. Den Zugang zu seiner Residenz Wrana, versteckt in einem großen Park, versperrt ein rostiges Tor, an dem ein Wachmann in Jogginghose steht. Kein Schild, keine Palastwache. Hier wohnt König Simeon II. von Bulgarien. Ex-König, um genau zu sein – und, wie einige Bulgaren hoffen, bald wieder Majestät des Balkanstaats. Simeon II. ist aus dem Madrider Exil zurückgekehrt in seine Heimat, die er vor 55 Jahren als Neunjähriger verlassen musste. Zurück in ein Land, das in Armut versinkt. Zurück als Hoffnungsträger für den einfachen Bulgaren, zurück als der Schrecken der etablierten Politiker. (FOCUS 24/2001)


Mogadischu: Welthauptstadt der Anarchie

Die Steinwüste lebt. Jungs spielen auf dem Platz vor dem Parlament Fußball, Flüchtlinge wohnen in dem Betonskelett des ehemaligen Grandhotels, und „Technicals“ – so nennen sich die jungen Söldner der Warlords – fahren auf den Ladeflächen der Geländewagen durch Mogadischu, recken ihre Kalaschnikows in die Höhe und kauen mit finsteren Blicken Khat, die Droge, die in ihren Phantasien aus den Ruinen Paläste werden lässt. Ein zentrales Stromnetz gibt es nicht, aber drei verschiedene Mobilfunknetze. Die Handys kaufen die Geschäftsleute im Elektronikladen nebenan, das schicke kleine Motorola für 500 Mark – in Deutschland kostet es 750 Mark. „Ich habe alles auf Lager“, behauptet der Elektronikhändler Aki Haidar mit nonchalantem Stolz. „Und wenn nicht, rufe ich meinen Bruder in Dubai an, und in vier Tagen haben sie es geliefert.“ Kein Staat, keine Zölle. Kein Staat, keine Steuern. Kein Staat, kein Gewerbe- aufsichtsamt. (FOCUS 21/2001)


Kongo: Das Verschwinden der Gorillas

Mugaruka kaut einen Zweig des Mishe-Baums ab. Sein Blick schweift in die Ferne. Ist der Silberrücken traurig, ratlos oder einfach nur erschöpft? Zwar hat der 15-jährige Gorilla die ihm vertrauten Wildhüter des Kahuzi-Biega-Nationalparks im Osten des Kongo mit einem beeindruckenden Getrommel auf seine Brust begrüßt, auf den sonst üblichen Scheinangriff verzichtete er aber diesmal. Stattdessen leckt er immer wieder seinen linken Arm. Dann entdecken die Parkranger die rot leuchtende Wunde in seinem schwarzen Fell. „Ein Kampf mit einem anderen Silberrücken“, flüstert Robert, der Mugaruka seit Jahren beobachtet. Vermutlich hat ein junges Männchen versucht, Mugaruka eine seiner elf Haremsdamen streitig zu machen. Aber der Clanchef, der als Junges den rechten Arm in einer von Wilderern aufgestellten Falle verloren hat, weiß sich zu wehren, wenn es gegen Artgenossen geht.

Im Kampf mit Menschen dagegen sind auch die stärksten Gorillas machtlos. Ein paar Kilometer westlich von Mugarukas Reich werden seit Jahren Gorillas abgeschlachtet, von 8000 sollen im Tiefland des Nationalparks nicht mal 1000 überlebt haben. Ihr Fleisch stillt den Hunger der Dorfbewohner oder wird als Delikatesse in die Großstädte verkauft. Andernorts wird der Lebensraum der Gorillas, die Regenwälder, abgeholzt. In weniger als zehn Jahren, befürchtet der Leiter des UN-Umweltprogramms Unep und frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer, wird es in Afrika keine großen Affen mehr geben. (FOCUS 19/2002)


Hammelburg: Kriegstraining für Journalisten

Sie geraten unter Beschuss, treten auf Minen, lösen Sprengfallen aus, werden als Geiseln genommen. Reporter in Krisengebieten können Tag und Nacht in Lebensgefahr geraten. Auf dem unterfränkischen Truppenübungsplatz Hammelburg inszeniert die Bundeswehr für Journalisten den täglichen Horror im Kriegseinsatz. Fünf Tage lang Theorie und Praxis: Wie sieht eine Kalaschnikow aus? Wie lassen sich Abschuss und Geschosseinschlag aus einer 20-Millimeter-Kanone erkennen? Ein Szenario, das sich jederzeit abspielen kann, im Kosovo oder in Afghanistan: Eine Meute stürmt die Bar, in der ein paar Journalisten Kaffee trinken. Aggressives Geschrei, Gefuchtel mit Sturmgewehren und Handgranaten, Geiselnahme. Die Überlebenschancen im Ernstfall sind gering, ziemlich gering. Schutz suchen vor Gewehrfeuer? Sinnlos. Aus 100 Meter Entfernung durchschlägt eine Gewehrkugel Häuserwände. Auf asphaltierten Straßen bleiben, um nicht auf eine Mine zu treten? Sehr vernünftig, aber nur wirksam, wenn alle so vernünftig sind. Tritt ein Kollege im Gelände abseits der Straße auf eine Panzermine, wirken die Splitter noch in 50 Meter Entfernung tödlich. Und wenn ein Mann im Minenfeld verblutet? „Lasst ihn liegen“, hören die Reporter. Jeder Bergungsversuch, weiß ein Bundeswehr-Oberstleutnant, sei glatter Selbstmord. (FOCUS 49/2001)

 

In der Vorhölle

Er war Augenzeuge des Irak-Kriegs: Einträge aus dem Tagebuch, das Christian Liebig für FOCUS Online führte
Donnerstag, 13. März

Ein Sandsturm fegt durch „New York“, ein riesiges Camp der US-Truppen an der Grenze Kuwaits zum Irak. Was als heißer, aber schöner Tag in der Wüste begonnen hat, wird nach Anbruch der Dunkelheit zum tobenden Inferno. Der Sand, der mit 100 Stundenkilometern über die Wüste geblasen wird, brennt in den Augen und auf der Haut und bedeckt auch innerhalb der Zelte alles mit einer feinen Staubschicht.

Alles, was zwei, drei Meter entfernt ist, verschwindet hinter einem Vorhang aus Sand. Die Humvee-Geländewagen der 3. Infanteriedivision schleichen im Schritttempo über die Pisten, wer nicht unbedingt muss, bleibt im Zelt. Eine Woche zuvor hatte sich ein Soldat auf dem Rückweg vom Abendessen verlaufen. Für 500 Meter brauchte er vier Stunden.


Freitag, 14. März

Major Chris Hughes vom zentralen Pressebüro in Kuwait wundert sich darüber, wie einige Journalisten den Krieg und ihren bevorstehenden Einsatz angehen. „Für viele scheint es nur Spaß zu sein – so, als würden sie einen Campingurlaub machen.“ Der Offizier der Marineinfanterie hat selbst erlebt, wie ein Journalist auf Osttimor ums Leben kam, weil er unbedingt eine Story haben wollte. „Jetzt werden noch Witze gemacht, aber es kommt der Zeitpunkt, wo es todernst wird.“ Für die Journalisten, die bereit sind, alles zu riskieren, hat er eine Botschaft: „Keine Story ist es wert, um für sie zu sterben.“


Sonntag, 16. März

Über mir ist nur der Himmel. Ich liege fest gezurrt auf einer Trage und kann nur nach oben starren. „Keine Sorge, Kumpel“, höre ich eine Stimme. „Wir lassen dich schon nicht fallen.“ Mit einem Ruck werde ich von vier Soldaten angehoben. Im Laufschritt geht es voran, ich werde durchgeschüttelt. Auf einmal sehe ich außer dem Himmel noch kreisende Rotorblätter. Fluchend, weil meine Trage nicht sofort einrastet, hieven mich die Soldaten in den Blackhawk-Hubschrauber. Dann liege ich dort, unter mir ein Verwundeter, 20 Zentimeter oberhalb meiner Nase ein weiterer. Ich habe einen Granatsplitter abbekommen. Das hat zumindest Oberstleutnant Willie Williams beschlossen, bevor die Übung „Medevac“ begonnen hat. Nicht lebensbedrohlich, aber ernst genug, um zu einer Operation geflogen zu werden. Der Hubschrauber hebt ab, und in ein paar Minuten wäre ich in einem Militär-Hospital, das wie ein gutes Kreiskrankenhaus ausgerüstet ist. In weniger als einer Stunde („the golden hour“), idealerweise aber in der Hälfte der Zeit, sollen verwundete amerikanische Soldaten von der Frontlinie in gute ärztliche Betreuung gebracht werden.


Donnerstag, 20. März

Kurz nach 20 Uhr Ortszeit begannen die Kanonen zu sprechen. Panzerhaubitzen der US-Armee feuerten im Sekundentakt Granaten auf irakische Grenzstellungen. Während der Donnerhall der Kanonen die Erde erbeben ließ und Lichtblitze den nächtlichen Himmel über der Wüste erhellten, brachen viele US-Soldaten in Jubel aus. Ein Jubel, der nicht lange vorhielt.

Eine Stunde später kam eine Meldung über den Sprechfunkverkehr, mit der zu dieser Stunde niemand gerechnet hatte: Ein Apache-Kampfhubschrauber sei von den Irakern abgeschossen worden.


Dienstag, 25. März

Zuerst ist es nur ein grauer Schleier. Der Wind wird stärker, der Himmel verfärbt sich hellgelb. Noch sind die Soldaten ruhig, sie kümmern sich ebenso wenig um den Sand, der herumfliegt, wie um die Artilleriedetonationen einige Dutzend Kilometer entfernt. Dann wird aus dem Gelb Orange. Der Wind wächst zum Sturm, mit über 70 Stundenkilometern werden die feinen Staubpartikel über das Feldlager geweht. Es wird immer dunkler. Als am helllichten Tag das Licht dunkelrot wird, fängt es an zu regnen. Die Vorhölle muss ähnlich aussehen. Zumindest der Staub wird durch die Regentropfen gebunden, die Kommandeure befürchten aber, dass der Regen die Wüste in Schlammpisten verwandelt und den Vormarsch weiter behindert.


Donnerstag, 27. März

Kurz nach Sonnenaufgang kehrt das Leben zurück in 296 durchgefrorene Körper. In Decken gehüllt stellen sie sich in einer Schlange an, um etwas zu essen und eine Flasche Wasser zu bekommen. Der Tag verspricht schön zu werden, die Nacht war eine Tortur. 296 irakische Kriegsgefangene mussten bei einem Sandsturm mit über 70 Stundenkilometern im Freien ausharren – lediglich durch Wolldecken vor der Kälte und den peitschenden Sandkörnern geschützt. Sie leben hinter Stacheldraht im größten Kriegsgefangenenlager der 3. Infanteriedivision. Einige der Inhaftierten, darunter viele Teenager und ältere Männer, haben nicht mal eine Uniform an. Einige sind in Gummisandalen gekommen, andere hatten zerschlissene Kleidung an. Das also sind die Soldaten, die den Vormarsch der hoch gerüsteten US-Armee ins Stocken gebracht haben.


Mittwoch, 5. April, letzter Eintrag

Liebe Kollegen, das ist das erste Mal, dass ich einen Artikel schreibe und drei Meter von mir entfernt ein Leichensack mit einem getöteten Soldaten liegt. (Ich befinde mich in einem Zelt, in dem eigentlich Patienten nach der Operation eine Weile liegen, hier habe ich Strom.) Für den amerikanischen Brigadekommandeur David Perkins war es schlicht „eine erfolgreiche militärische Operation“. Die Definition „Husarenritt“ dürfte der Wahrheit näher kommen: Sechs Stunden lang fuhr am Samstag ein schwer bewaffneter amerikanischer Konvoi mit Dutzenden Panzern und Schützenpanzern mitten durch Bagdad, um vor allem eins zu beweisen: dass sie eigentlich die irakische Hauptstadt bereits erobert haben.
Was die 2. Brigade der 3. Infanteriedivision am Samstag im Morgengrauen startete, war vielleicht die größte Schlacht des bisherigen Irak-Kriegs, möglicherweise die wichtigste, in jedem Fall aber die überraschendste Schlacht in diesem Krieg.

„Es heißt immer, wir würden unseren Krieg aus 7000 Meter Höhe führen“, sagt Brigadekommandeur Perkins. „Heute haben wir aus sieben Meter Entfernung gekämpft.“

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