Beatrice mit Samuel und Esther, den Jahrgangsbesten der Sekundarschule
Reisebericht Malawi 2017

Einmal von Nord nach Süd

von Alexander von Keyserlingk

Ich freue mich sehr, dass ich in diesem Herbst meine Tochter Beatrice von Keyserlingk auf ihrer zehntägigen Reise nach Malawi begleiten durfte. Ich bin ganz ehrlich: Unser Besuch, mein erster im Übrigen, versprach für die kurze Zeit, die vielen Termine und die weiten Strecken, ein anstrengendes Unterfangen zu werden. Eine vor allem für mich aufregende Reise quer durch Malawi: auf Strassen, die zum Teil wasserlosen Flussbetten glichen; durch ein völlig ausgetrocknetes, weitgehend aus roter Erde bestehendes Land; durch dichten Staub, der manchmal das Atmen schwer machte; und täglich mit einer unbarmherzigen Hitze, die erst bei Eintritt der Dunkelheit erträglich wurde.

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Mit Senior Chief Theresa Kachindamoto unter dem Baobab-Baum

Wir haben zahlreiche Schulen besucht, uns ein Bild von den Fortschritten der Projekte gemacht, fröhliche Kinder getroffen, mit ambitionierten Lehrern gesprochen und engagierte Menschen erlebt. Auch mögliche neue Engagements haben wir uns angesehen sowie  Kontakte zu anderen NGOs vertieft und neu geknüpft. Dies bleibt für mich in fast rührender Erinnerung. Doch die Begegnungen mit einigen starken Frauen dort zählen für mich zu den am meisten beeindruckenden Erlebnissen.

Wie Theresa Kachindamoto. Sie ist Senior Chief im Distrikt Dedza in der Zentralregion von Malawi. Seit Jahren ist sie bekannt als furchtlose und oftmals mit dem Tode bedrohte Kämpferin gegen Kinderehen und sexuelle Ausbeutung von minderjährigen Mädchen. Per Verordnung konnten in ihrem Distrikt mehr als 2.550 Kinderehen annulliert werden. Eltern von Kindern unter 18 Jahren, die Kinder bekommen, müssen Strafe zahlen. Sie setzt durch, dass das auch geschieht. Um die Mädchen „aufzufangen“, hat sie das Programm „Back to School“ gegründet. Die aus den Ehen entstandenen Kinder werden von den Großeltern betreut, damit die Mädchen wieder eine Schule besuchen können. Und das tun sie mit großer Begeisterung.

Wie Omega Mayuyuka, eine Rechtsanwältin, die in England studiert, gelebt und praktiziert hat und sich nun der Erziehung und Bildung von Kindern in Malawi mit ganzem Herzen widmet, Schulen unterstützt und bei rechtlichen Problemen behilflich ist.

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Eine von vielen namenlosen Frauen mit Kindern im Flüchtlingslager Dzalenka

Nicht so schnell vergessen werde ich zudem die vielen für mich namenlosen Frauen im Flüchtlingslager Dzalenka (bei Mzuzu), die so unendlich stark sind für ihre Familien. 30.000 Menschen leben in dem seit 1994 bestehenden Lager dicht gedrängt unter nahezu unvorstellbar menschenunwürdigen Umständen und Trostlosigkeit. Jeden Tag kommen Hilfesuchende hauptsächlich aus dem Ostkongo und anderen Anrainerstaaten hinzu, in denen seit Jahren blutige Stammeskriege und Auseinandersetzungen zwischen Warlords toben. Meist leben Familien mit fünf bis zehn Kindern in zwei engen Räumen einer Lehmziegelhütte, ohne Wasser und Strom. Es gibt nur wenige, über das Lager verstreute, dicht belagerte Wasserpumpen. Lange Menschenschlangen warten in der prallen Sonne an der Essensausgaben, die von Plan International, dem World Feeding Programme und anderen NGOs eingerichtet sind. Das Warten auf das Essen und die Beschaffung von Wasser ist wohl die einzige Tätigkeit, der die Flüchtlinge nachgehen können. Ausserhalb der Hütten befinden sich die Latrinen, oft nur in den Boden geschlagene Löcher. Zwischen den Hütten ziehen sich schmale Fusswege dahin, daneben Gräben voll von Unrat, Fäkalien und an der Oberfläche angetrockneter Schlamm. Überall tummeln sich Kinder in zerlumpten Kleidern.
Viele Kinder im Lager sind behindert, körperlich, mental oder gar beides. Sie sitzen oder liegen regungslos vor oder in den Unterkünften und wirken traumatisiert. Frauen sitzen mit ausdruckslosen Augen daneben. Viele von ihnen leben seit Jahren in diesem Lager, in diesem Zustand. Junge Männer haben das ambitionierte Projekt „Day Care Center“ gegründet und möchten den vielen behinderten Kindern wenigstens zwei Stunden am Tag Unterricht erteilen. Sie hoffen, Unterstützung bei ihrem Vorhaben von verschiedenen NGOs, darunter die „Welthungerhilfe“ und CLS zu finden. Bisher erhält dieses Lager keine Hilfen von der Bundesrepublik Deutschland. Getragen werden die Kosten dieses Lagers hauptsächlich von den USA, von England, von Frankreich.

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Beatrice mti Esther (l.) und Samuel (M.), den Jahrgangsbesten der Sekundarschule

Nach dem Besuch des Lagers: das Kontrastprogramm mit einem Besuch beim Deutschen Botschafter Jürgen Borsch, zum Tag der Deutschen Einheit. Ich habe selten einen so offenen offiziellen Vertreter aus Deutschland erlebt wie ihn. Ein Mann, der zuhört und sich, wie ich feststellen konnte, tatsächlich unmittelbar mit seinen Möglichkeiten einbringt. Im Übrigen ist er ein erklärter Freund der CLS.

Am Ende begleitete mich vor allem eine großartige Frau wie ein „roter Faden“ durch Malawi: Beatrice. Meine Tochter beeindruckte mich nachhaltig, sehe ich sie doch zum ersten Mal live vor Ort. Sie besuchte Schulen, erörterte Missstände, hielt Reden und hörte anderen zu, verteilte Geschenke, vergab Stipendien und knüpfte neue Kontakte. Wie sie all diese Termine bewältigt, ohne auch nur einmal Müdigkeit oder Unaufmerksamkeit gegenüber den vielen Gesprächspartnern zu zeigen – das ist bewundernswert. Ich bin einfach stolz auf sie.

Für mich ist die Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis geworden. Die Menschen in Malawi, die mit so viel Beschränkungen leben, die mir so unbefangen und mit so viel Zuneigung begegnet sind, werde ich sicherlich nie vergessen.


Malawi, 30. September bis 8. Oktober 2017

 


Fotos: Beatrice und Alexander von Keyserlingk